FAZ 13.02.2026
17:51 Uhr

Mainz bleibt Mainz: TV-Duell: Schwungvolle Narren gegen Nullfünfer


Flutlicht-Freitag oder Fernsehfastnacht? Nicht nur in Mainz dürften sich viele fragen, ob sie lieber das Fußballspiel von Mainz 05 gegen Dortmund oder die Narrenschau sehen wollen.

Mainz bleibt Mainz: TV-Duell: Schwungvolle Narren gegen Nullfünfer

Geht alles nach Plan, gewinnen die Mainzer Fußballer am Freitagabend ihr  Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten Dortmund mit sage und schreibe 5 zu 0  Toren. So jedenfalls stellt sich das Andreas Schmitt vor. Nach einjähriger  krankheitsbedingter Pause wird der Vierundsechzigjährige als Präsident der vom ZDF übertragenen Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ von 20.15 Uhr an im Zweiten wieder die Schelle schwingen. Dass der Kölner Privatsender RTL parallel zur vierstündigen Narrenschau aus dem Mainzer Schloss einen Extra-Flutlicht-Freitag ausgerufen hat, sollte nicht unbedingt als Angriff auf die Narren und deren gleichnamige Freiheit gewertet werden. Allen Fußball- und Fastnachtsfans – nicht nur rund um die Karnevalshochburg Mainz – dürfte das Kontrastprogramm die Freitagabendgestaltung allerdings deutlich erschweren. Wer sich für das vierfarbbunte Mainzer Aufgebot entscheidet, kann sich auf einen starken Beginn freuen: Denn zum ersten Mal wird mit Christina Grom eine Frau als „Chefin des Protokolls“ aus dem Eulenfass heraus auf das vergangene Jahr zurückblicken. Dass die Bundeswehr fortan ihre freien Plätze womöglich verlosen werde, bezeichnete sie bei der „Mainz bleibt Mainz“-Generalprobe am Mittwochabend als „Lotto mit Gewehr“. Den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), dessen allgegenwärtige Essensbilder auf Instagram offenbar gleich mehreren Mainzer Narren übel aufgestoßen sind, nannte sie ein „armes Würstchen“. Und mit Blick auf den amerikanischen Präsidenten, Donald Trump, wandte sie sich mit ihrem „Herr, schmeiß Hirn vom Himmel“ gleich an ganz oben, um göttlichen Beistand für die gebeutelten Erdenbürger zu erbitten. Spätestens dann, wenn die Gonsenheimerin ihre Worte mit einer dazu passenden Bebilderung respektive gar Beschilderung untermalt, dürfte wohl auch der Letzte im Saal erkennen, dass da vorne in der Bütt die Tochter des einstigen Protokollers Erhard Grom steht. Was der schnell und munter drauflos redenden TV-Novizin beim Testlauf vor Publikum im Kurfürstlichen Schloss mit reichlich Applaus gedankt wurde. Ohnehin konnten die Besucher mit dem Schwung, den die von vier Mainzer Fastnachtskorporationen abgeordneten Aktiven am Mittwoch in die „Gut Stubb“ brachten, ganz überwiegend zufrieden sein: Die trommelnde Ehrengarde der Schnorreswackler, aber auch der „Handkäs un sei Mussig“, die „Humbas“ und der neu entdeckte „Hollebutz“ mit seinem „Geh ma wieder bei die Helga“ sowie Markus Schönberg mit einer gesungenen Liebeserklärung an das weltweit einmalige Mainzer Marktfrühstück sorgten durchweg für kurzweilige Unterhaltung. Wobei es schier unmöglich zu sein scheint, sich gegen die auf ihren Zeitplan achtenden Programmverantwortlichen des ZDF auch nur ab und an mit dem Wunsch nach einer Zugabe durchzusetzen. Dem „Zeitgeist“, also „dem, dem alle immer hinterherrennen“, hat man dagegen genügend Raum gelassen, um seine Rolle in aller Ruhe auszuleben. Letztlich empfiehlt Thomas Becker seinen Zuhörern im Saal, von denen („sechzig is sechzig, ganz egal, wie weiß die Sneaker sind“) viele ja schon zur Gruppe „zwischen gepflegt aussehen und gepflegt werden“ gehörten, vor allem eins: Humor, um mit dem Chaos in der Welt und allen erdenklichen Krisen klarzukommen. Männer über 70 sollten übrigens, im Interesse des Weltfriedens, keine Staatschefs mehr sein. Eben deshalb, so jedenfalls die Meinung des „Zeitgeists“, müsste die Zukunft vielleicht doch besser in Frauenhände gegeben werden. Dass zumindest Männerchöre wie der ihre auch in Zukunft unersetzlich sein dürften, stellten die derzeit auf 100 Jahre ihres Bestehens zurückblickenden und das runde Jubiläum ausgiebig bejubelnden Mainzer Hofsänger spät am Abend mit ihrem stimmungsvollen Finale klar. Was wäre „Mainz bleibt Mainz“ ohne die Hofsänger, fragt sich und alle anderen, dazu passend, etwa die scharfzüngige „Moguntia“, um sich selbst die Antwort zu geben: „Nun gut, die Sitzung wär früher fertig!“ Dass es neben Typen wie Johannes Bersch als „Moguntia“ und dem nicht weniger geschliffen formulierenden Florian Sitte als „Till“ noch Platz für eine weibliche Politik-Beobachterin gegeben hätte, gehört zu den bekannten Langzeitschwächen fast aller Mainzer Fastnachtssitzungen. So gesehen hilft der Abgang des zum letzten Mal heimwerkelnden „Hobbes“ namens Hansi Greb, der nach Jahrzehnten nun von der Fernsehbühne abtreten wird. Denn es braucht halt Raum für neue Elemente – wie ganz aktuell eine junge Influencerin auf Museumsbesuch. Ein weiterer Jubilar, der „erst“ seit 25 Jahren als Ernst Lustig über Sören sowie andere merkwürdige Gestalten und Verhalten fabulierende Jürgen Wiesmann, soll, darf und wird wohl noch länger weitermachen. Sein sonnenblumiges Gemüt und seine feine Beobachtungsgabe helfen mehr als Tropfen und Tabletten, den alltäglichen Wahnsinn zu ertragen. Und genau darum geht es ja, wenn die Mainzer Fastnachter im Schloss mal wieder Hof halten.